Chausse-Trappes (II)

Nicht dort zu sein, wo man es eigentlich erwartet, dies scheint die Losung von Delphine Coindet zu sein. Für die seit kurzem in Lausanne ansässige Künstlerin, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der jungen Kunstszene Frankreichs, ist es wahrscheinlich sowohl heilsam als auch erfreulich, dass sie sich Kategorisierungen entziehen kann, die nur den “virtuellen” Aspekt ihrer Skulpturen und die Unwirklichkeit deren glatten Oberflächen berücksichtigen. Lili Reynaud-Dewar sagte über Delphine Coindet, dass ihre “zugleich chronische als auch zurückhaltende Instabilität (…), typisch für jemanden mit einer unkonventionellen Empfindsamkeit” als “Postulat zu verstehen sei, von dem aus Freiheit, Vergnügen, Stil ihre Form annehmen”. Neben einer eleganten Lässigkeit besitzt die Künstlerin nämlich eine ernsthafte Neigung zur Exzentrik und zu Überschreitungen, die sich unverhohlen in den jüngsten Werken breit macht. Alles weist darauf hin, dass sich Delphine Coindet jüngst dem umfangreichen Unternehmen widmet, Formen zu recyclen, welche ihr eigenes Repertoire auszeichneten. Die wiederkehrenden Motive bleiben die gleichen: Die unverhohlene Freude an der Theatralik bzw. der Dramatisierung, ein Vokabular des ein wenig kitschigen Glamours, in dem Federn, Glöckchen und Haarnetze aufeinander treffen, lebhafte und satte Farben sowie eine bestimmte Form von Aggressivität. Die Ausdrucksmittel scheinen von einer Luftfahrtagentur in ein Schneideratelier überführt worden zu sein. Diese Entwicklung leugnet indes die nahe Vergangenheit nicht, sondern sie ist vielmehr eine Fortsetzung der früheren Entfremdungen, die in den bereits bestehenden Spannungen zwischen den Materien oder sogar der Anordnung der Objekte zu erkennen sind. Andere Indizien haben diese Entwicklung bereits vorausgesagt, vor allem die jüngsten Filzstiftzeichnungen, die im Gegensatz zu den untadeligen, entschieden zu glatten Widergaben einer Hightech-Industrie, auf welche sich die vorbereitenden Skizzen der Künstlerin bezogen haben, eher kindlich und grob erscheinen. Die Ausstellung gliedert sich in zwei Teile: Ein erster Teil den Werken von Delphine Coindet gewidmet, im zweiten Teil stellt sie vier Künstlerinnen und Künstler vor und zwar nicht nur als einfache, von einem Thema motivierte Reihung, sondern eher als Abbild eines Bündels von Übereinstimmungen, Aufeinanderfolgen oder Einflüssen, die sich im unmittelbaren Umfeld der Künstlerin abspielen. Seien es bewährte Zusammenarbeiten wie mit Vincent Beaurin oder entfernte Einflüsse wie im Fall von Sarah Charlesworth, die zusammengetragenen Werke bilden ein Repertoire von Gesten und Methoden, Absichten und Kontexte, die unabhängig voneinander gelesen werden können, aber auch untereinander sowie auch mit dem ersten Teil der Ausstellung interagieren.

MIT DER UNTERSTÜTZUNG VON Loterie Romande, Coriolis Promotion, Staat Freiburg, Bundesamt für Kultur, Ernst Göhner Stiftung, Migros Kulturprozent, CulturesFrance.

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